Radikale Musiktheorie

„Music, like drugs, is intuition, a path to knowledge. A path? No – a battlefield.“ Jacques Attali

Ich habe heute ein Buch gelesen, das eine exzellentes Argument darstellt für die Funktion von Musik als futurologisches Instrument, das der Gemeinschaft resp. Gesellschaft helfen soll, die Richtung der kulturellen Evolution zu erfahren, nämlich Noise [Bruits] von Jacques Attali, 1977 erschienen, in der englischen Übersetzung von Brian Massumi.

Für Attali ist Musik ein Modus der Kommunikation zwischen den Menschen und ihrer Umwelt, eine Form von sozialem Ausdruck, die nicht nur therapeutisch und reinigend sondern auch befreiend sein kann. Als soziales System entwickelt sich Musik parallel zur Gesellschaft und imitiert dabei ihre Struktur. Sie kann folglich als eine Art Radar für die Evolution der Gesellschaft betrachtet werden.

Daraus resultiert für Attali denn auch der inhärent prophetische Charakter von Musik: Weil die Welt nicht zum verstehen resp. betrachten da ist, sondern um akustisch vernommen zu werden, sind Musiker vor anderen in der Lage, die sich ankündigende neue Ordnung wahrzunehmen und in Form von Artifakten und Performativa in der kulturellen Evolution der Menschheit zu verankern. Dieser zeitliche Vorsprung gegenüber anderen sozialen System resultiert aus der Fähigkeit der musikallischen Kommunikation, „the entire range of possibilities in a given code “ viel schneller als die materielle Realität erforschen [explore] kann. In der heutigen elektronischen Musik lässt sich dies sehr gut anhand der internen Evolution der einzelnen Genres beobachten: um eine bestimmte bpm-Zahl und einen bestimmten Beat/Groove bildet sich zu einem bestimmten Zeitpunkt – meistens auch örtlich zuerst relativ begrenzt, oft in sog. multikulturellen europäischen Metropolen wie Berlin oder London – eine bestimmte Szene. Sobald ein Genre eine gewisse Identität aber auch Popularität erreicht hat, kann er global/lokal expandieren und die Grenzen des in diesem „Code“ möglichen, d.h. quasi sagbaren ausloten. Dabei wird die neue Welt sozusagen in eine Schallform gegossen , die nach und nach sichtbar werden und die Ordnung der Dinge regulieren wird.

Als empirisches Beispiel für die verkündende Funktion der Musik dient Attali die Diachronie von Musik des 18. Jahrhunderts, politischen Ideen des 19. Jahrhunderts sowie politischer Organisation des 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel für einen Musiker, der diese revolutionäre Rolle bewusst suchte, findet Attali in Richard Wagner, der 1848 schrieb: „Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme theilt, denn sie macht aus Allen nur Unglückliche. Zerstören will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sclaven von Wenigen, und diese Wenigen zu Sclaven ihrer eignen Macht, ihres eignen Reichthumes macht. Zerstören will ich diese Ordnung der Dinge, die den Genuß trennt von der Arbeit, die aus der Arbeit eine Last, aus dem Genusse ein Laster macht, die einen Menschen elend macht durch den Mangel, und den andern durch den Überfluß.“ Oder auch: „Ich will zerstören von Grund aus die Ordnung der Dinge, in der Ihr lebt, denn sie ist entsproßen der Sünde, ihre Blüthe ist das Elend und ihre Frucht das Verbrechen; die Saat aber ist gereift und der Schnitter bin ich. Ich will zerstören jeden Wahn, der Gewalt hat über den Menschen. Ich will zerstören die Herrschaft des Einen über die Andern, der Todten über die Lebendigen, des Stoffes über den Geist; ich will zerbrechen die Gewalt der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigenthums. Der eigne Wille sei der Herr des Menschen, die eigne Lust sein einzig Gesetz, die eigne Kraft sein ganzes Eigenthum, denn das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn Er. Vernichtet sei der Wahn, der Einem Gewalt giebt über Millionen, der Millionen unterthan macht dem Willen eines Einzigen, der Wahn, der da lehrt: der Eine habe die Kraft die Andern alle zu beglücken. Das Gleiche darf nicht herrschen über das Gleiche, das Gleiche hat nicht höhere Kraft denn das Gleiche, und da Ihr Alle gleich, so will ich zerstören jegliche Herrschaft des Einen über den Andern.”

Einer der Vorteile der Musik gegenüber rationaleren Methoden im engeren Sinne, ist die Eigenheit, dass sie im Gegensatz zu Zahlen in der Lage ist, das was mit Bezug auf Zeit entscheidend ist, nämlich das Flüssige und Qualitative, adäquat wiederzugeben.

Ein zentrales Charakteristikum der Musik liegt für Attali in ihrem speziellen Verhältnis zur Macht: es besteht nicht nur eine enge Verbindung zwischen Musik und Macht sondern auch zu ihrem Gegenteil: der Subversion. Daraus resultiert der permanent ambivalente Status von Musikern: einerseits werden sie als Genies vergöttert, andererseits hatte Musik schon immer etwas Anrüchiges an sich. Der Autor behauptet sogar, dass Musiker so gefährlich und subversiv seien, dass es unmöglich sei, ihre Geschichte von der Geschichte von Repression und Überwachung zu trennen.

In diesem Spannungsfeld zwischen Unterdrückung und Unterstützung, das durch die kapitalistische Kolonialisierung zusätzlich verschärft wird, bewegt sich der Musiker als zugleich ausgeschlossener und Übermensch, sowohl Trenner als auch Integrierender. Die Unterscheidung zwischen Musikern resp. Schamanen und allen anderen Mitgliedern einer Gemeinschaft zählt Attali zu den fundamentalsten Formen der Arbeitsteilung in der menschlichen Kultur.

Wie beschrieb Attali vor nunmehr über 30 Jahren die entstehende neue Ordnung? Sie ist charakteristiert durch den kollektiven Effort jedes Einzelnen, seine eigene Beziehung zur Welt zu erschaffen und die anderen in die so erschaffene Sinn-Welt miteinzubeziehen. Die Aufgabe der Konzeptualisierung dieser entstehenden Ordnung obliegt den nach Attali „only worthwile researchers: undisciplined ones“. Absolut lesenswert für alle Musiker und Interessierte!

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