Friedensnobelpreis

„Don’t believe what you see,
don’t believe what you read!“
– Sepultura „Propaganda“, 1993

Dieses Wochenende wurde in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen. Ausgezeichnet wurde die Europäische Union. Ebenso wie der Laureat von 2009 – Barack Obama – ist dies eine Überraschung für diejenigen Bürger, die davon ausgehen, dass der Friedensnobelpreis dazu dient, Personen oder Organisationen auszuzeichnen, die sich für mehr Frieden engagieren, gegen Krieg protestieren oder sich gegen institutionelle Ungerechtigkeit einsetzen. Wäre dem so, so wären Campaign for Nuclear Disarmament (), die Oxford Research Group () oder die von Friedensaktivisten gegründete Kommune Tamera () viel wahrscheinlichere und überzeugendere Preisträger.

Die Verleihung des Preises an die Europäische Union oder Barack Obama ist hingegen für diejenigen keine grosse Überraschung, die 1984 von George Orwell nicht nur gelesen sondern auch als adäquate Beschreibung der Welt im 20. Jahrhundert aufgefasst haben. Den Präsidenten der USA für die Fortsetzung der Kriege im Afghanistan und Irak zu belohnen oder die EU, die im Moment – vor allem in Südeuropa – einen Bürgerkrieg gegen ihre eigenen Untertanen führt, als Ursache und Garant eines friedlichen Europas ins Rampenlicht zu rücken, ist nämlich ein typisches Beispiel für doublespeak. Dieser Begriff findet sich zwar nicht in Orwells Buch, sondern ist ein Neologismus, der die von ihm verwendeten Begriffe doublethink und newspeak zusammenführt. Trotzdem beschreibt er ziemlich präzise die in seinem dystopischen Roman anzutreffende Verkehrung unerwünschter Tatsachen in ihr Gegenteil : Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Ignoranz ist Stärke – so lauten die Ideale der Partei bei Orwell. Eine der wichtigsten Aufgaben des Wahrheitsministeriums, für das der Hauptprotagonist Winston Smith arbeitet, ist ein permanenter Geschichts-Revisionismus, der die Ereignisse der Vergangenheit so umschreibt, das sie mit der aktuellen Propaganda übereinstimmen, denn „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft!“

Ein interessantes Beispiel hierfür aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts bildet die plötzliche Veränderung des Feindbildes Nummer 1 in den USA Mitte der 1940er Jahre: Während des zweiten Weltkrieges waren es die bösen Nazi-Deutschen, und die Russen gehörten zu den Allierten. Kurze Zeit später hiess es, die bösen Nazis seien alle in Nürnberg (hin)gerichtet worden und (West-)Deutschland gehörte via Marshall-Plan und Operation Paperclip zu den Verbündeten, während die grösste Bedrohung für die USA von der kommunistischen Sowjetunion und ihren Sympathisanten ausging. Der darauf hin einsetzende McCarthyismus war ein gelungener Angriff auf die anti-kapitalistische Opposition im Inneren.

Ein typisches Beispiel für doublespeak aus der heutigen Welt ist die Verwendung der Bezeichnung Verteidigungsministerium statt Kriegsministerium. Weniger auffällig aber in seinen Auswirkungen umso verheerender ist die Tatsache, dass heute von demokratischen Staaten gesprochen wird , obwohl praktisch alle in Wirklichkeit Oligarchien (Herrschaft der Wenigen) resp. um genauer zu sein Plutokratien (Herrschaft der Reichen) sind.

Während im deutschen Sprachraum sowohl der Begriff doublespeak als auch die kritische Analyse seiner Verwendung in den Medien bisher noch wenig verbreitet sind, sieht dies in den USA ganz anders aus. Seit 1975 wird dort vom National Council of Teachers of English der Orwell Award für Autoren, die einen besonderen Beitrag zur kritischen Analyse des öffentlichen Diskurses geleistet haben, verliehen. Zu den Laureaten gehören Noam Chomsky, Edward S. Herman und William D. Lutz. Während ersterer auch den deutschsprachigen Lesern bekannt ist (vgl. für eine Bibliographie und Lesebeispiele), lohnt es sich hier kurz auf die Arbeiten von Herman und Lutz einzugehen.

Mit dem Orwell Award ausgezeichnet wurde Herman 1989 für das mit Chomsky verfasste Manufacturing Consent, das dahingehend argumentiert, dass eine Demokratie ohne Propaganda und Doublespeak nicht funktionieren kann:

„The point is that in a … totalitarian state, it doesn’t much matter what people think because … you can control what they do. But when the state loses the bludgeon, when you can’t control people by force and when the voice of the people can be heard, … you have to control what people think. And the standard way to do this is to resort to what in more honest days used to be called propaganda. Manufacture of consent. Creation of necessary illusions.“ (Chomsky, Noam; Herman, Edward S. (1991). Manufacturing Consent, S 52 )

Daneben verfasste Herman ein eigenständiges Buch zum Thema doublespeak, und zwar Beyond hypocrisy : decoding the news in an age of propaganda : including A doublespeak dictionary for the 1990s (). Darin präsentiert der Autor eine Reihe von auf Halbwahrheiten und absichtlichen Fehlinformationen basierenden Nachrichten.

William D. Lutz erhielt den Orwell Award im Jahr 1996 für sein Buch The New Doublespeak: Why No One Knows What Anyone’s Saying Anymore. Darin bringt er eine Vielzahl von Beispielen für doublespeak aus der amerikanischen Politik, wobei sein Fokus auf der Reagan- und Bush-Ära liegt, obwohl man davon ausgehen kann, dass es bei Präsidenten aus der demokratischen Partei nicht besser aussieht.

Alles in allem muss man sich wohl damit abfinden, dass Orwellsche Zustände heute keineswegs dystopisch anmuten sondern längst zur Normaltät geworden sind. In dem Sinn würde es mich nicht überraschen, wenn eines Tages Wladimir Putin den Friedensnobelpreis erhält.

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