Michel Foucault – sich verteidigen

Es handelt sich um einen von Michel Foucault verfassten, aber von ihm und Jean Lapeyrie, Dominique Nocaudie, Henry Juramy, Christian Revon und Jacques Vergès unterzeichneten Text aus dem Jahr 1980. Er war bisher unveröffentlicht und wurde erst im Mai 2012 im Courant alternatif publiziert. Er ist heute vermutlich mindestens so aktuell wie zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Die Übersetzung ins deutsche stammt von mir. [franz. Original ]

Sich verteidigen

1-Vermeiden wir zuerst einmal das überdrüssige Problem von Reformismus und Anti-Reformismus. Wir müssen die Institutionen, die es nötig haben, reformiert zu werden, nicht übernehmen. Wir müssen uns verteidigen: in dem Ausmass und wie stark auch immer die Institutionen sich weigern reformiert zu werden. Die Initiative muss also von uns aus kommen, nicht in der Form eines Programms, sondern in der Form einer Infragestellung und in der Form des Handelns.

2-Nicht weil es Gesetze gibt, nicht weil ich Rechte habe, bin ich berechtigt, mich zu verteidigen; das Ausmass meiner Verteidigung sorgt dafür, dass meine Rechte existieren und dass das Gesetz mich respektiert. Es ist also vor allem die Dynamik der Verteidigung, die den Gesetzen und den Rechten einen für uns unverzichtbaren Wert verleihen kann. Das Recht ist nichts [wert], wenn es nicht aus der Verteidigung, die es herbeiführt, geboren wird; und nur die Verteidigung, verleiht dem Gesetz rechtsgültige Kraft.

3-Im Ausdruck „sich verteidigen“ kommt dem Reflexivpronomen eine zentrale Rolle zu. Es handelt sich in der Tat darum, das Leben, die Existenz, die Subjektivität und die eigentliche Realität des Individuums in die Praktiken des Rechts einzuschreiben. Sich verteidigen soll nicht heissen sich selbst-verteidigen. Selbst-Verteidigung bedeutet selber Gerechtigkeit walten zu wollen, sich mit einer Instanz der Macht zu identifizieren und ihre Handlungen auf eigene Faust zu verlängern. Im Gegensatz dazu bedeutet sich verteidigen, sich zu weigern das Spiel der Instanzen der Macht zu spielen und sich des Rechts zu bedienen, um ihre Handlungen zu beschränken. So verstanden hat die Verteidigung einen absoluten Wert. Sie lässt sich nicht begrenzen oder entwaffnen durch die Tatsache, dass die Situation früher schlimmer war oder später besser sein könnte. Man verteidigt sich nur in der Gegenwart : das Inakzeptable ist nicht relativ.

4-Sich verteidigen setzt also Folgendes vorazus: eine Aktivität, Instrumente sowie Reflexion. Eine Aktivität: es handelt sich nicht darum, sich um die Witwe und den Waisen zu kümmern, sondern dafür zu sorgen, dass der vorhandene Wille sich zu verteidigen an den Tag treten kann. Reflexion: sich verteidigen ist eine Arbeit, die der praktischen und theoretischen Analyse bedarf. Sie benötigt zudem Kenntnisse einer oft komplexen Realität, die von keinem Volontarismus aufgelöst werden kann. Sie benötigt desweiteren eine Rückkehr zu den vorgenommenen Handlungen, ein Gedächtnis, das sie bewahrt, eine Information, die sie kommuniziert und einen Standpunkt, der sie in ein Verhältnis zu anderen setzt. Wir überlassen die Bemühungen, die “Intellektuellen“ zu denunzieren, natürlich anderen. Instrumente: man wird sie nicht alle in den Gesetzen, Rechten und bestehenden Institutionen finden, sondern in einer Verwendung dieser vorhandenen Strukturen, die durch die Dynamik der Verteidigung richtungsweisend gemacht wird.

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