Giorgio Agamben, Leviathans Rätsel

Gegenstand des Essays: Das Titelbild auf Hobbes’ Leviathan. „Wir wissen, dass emblematische Literatur zu dieser Zeit ihre Blütezeit hatte“, daher versuchte wohl Hobbes „den gesamten Inhalt oder zumindest den esoterischen Sinn seiner Arbeit in einem Bild zusammenzufassen“. 9

Agamben beginnt die Interpretation mit der „gigantischen Figur des Leviathan“: „wo steht der Leviathan mit Bezug auf die Elemente, die das Bild ausmachen?“ 17

„Während nämlich der Behemoth ein Tier der Erde ist, ist der Leviathan ein Seeungeheuer“ 17

Schmitts Hypothese: „Opposition Behemoth-Leviathan [entspricht] der grundsätzlichen Opposition Land-Meer“ 19

„Das Gemeinwesen, der ‘Staatskörper’, fällt nicht mit dem physischen Körper der Stadt zusammen. Dies ist ein rätselhafter Punkt, den wir versuchen müssen zu verstehen.“ 19

weiter Anomalie: menschenleere Stadt

Für Hobbes war der Leviathan ein Artefakt und zwar kein mechanisches, sondern ein optisches!

„Die Vereinigung der Menge in einer einzigen souveränen Person ist eine perspektivistische Illusion; politische Vertretung ist nur eine optische Repräsentation [Illusion?]“ 23

An einer Stelle in De Cive, unterscheidet Hobbes „zwischen populus (Volk) und multitudo (Menge) und schreibt: ‘Das Volk ist eine Einheit mit einem Willen und ist einer Handlung fähig; all das kann von einer Menge nicht gesagt werden. Das Volk herrscht in jedem Staate, selbst in der Monarchie; denn da äußert das Volk seinen Willen durch den eines Menschen. Die Menge besteht dagegen aus Bürgern, d.h. aus den Untertanen, […] aber die Versammlung ist das Volk.’“ 25

Das Volk ist der Souveränen unter der Bedingung, dass es sich in eine Vielzahl von Bürgern und ein Volk aufspaltet.“ 25

Das Volk – der Staatskörper – existiert nur augenblicklich in dem Moment, in dem es ‘einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen zur Vertretung seiner Person ernennt’, aber dieser Moment fällt mit seinem Verschwinden in eine aufgelöste Menge zusammen. Der ‘Staatskörper’ ist ein unmögliches Konzept, das nur in der Spannung zwischen dem Volk und dem Souverän lebt: es ist daher immer in einem Prozess der Desintegration in der Konstituierung des Souveräns. Der Souverän auf der anderen Seite ist nur eine ‘künstliche Person’, deren Einheit so etwas wie eine optische Täuschung ist.“ 27/29

bei Hobbes hat die Menge keine politische Bedeutung und muss verschwinden, damit der Staat existieren kann.“ 31/33

Wir können also sagen, dass Hobbes dasjenige Moment in der Geschichte der westlichen Philosophie darstellt, in dem der innere Widerspruch voll zum Vorschein kommt, welcher das Konzept des Volkes kennzeichnet. Historiker haben festgestellt, dass dieses grundlegende politische Konzept immer in zwei entgegengesetzte Bedeutungen unterteilt wird: Volk und Menge, demos und plethos, politischer Körper und demografische Bevölkerung, die Mächtigen und die Reichen auf der einen Seite und die Ausgeschlossenen und Armen auf der anderen“ 35

Warum hat Hobbes sich entschieden, seinem politischen Meisterwerk den Namen eines Ungeheuers zu geben, das in der christlichen Tradition eine stark negative, sogar teuflische Konnotation hat?“ 37

Die „satanische Antichrist-Auslegung des Leviathan findet ihre ikonographische Kristallisation im Liber floridus, einer enzyklopädischen Kompilation, die um 1120 verfasst wurde. Die Ähnlichkeit zwischen dem Bild des auf dem Leviathan sitzenden Antichristen und dem Bild des Souveräns in Hobbes’ Titelbild ist so überraschend, dass wir zu Recht annehmen können, dass Abraham Bosse oder Hobbes selbst mit dem Bild vertraut waren.“ 39/41

Wenn meine Hypothese richtig ist, dann zeigt das Bild im Titelbild die Beziehung zwischen dem Leviathan und den Untertanen als das profane Gegenstück der Beziehung zwischen Christus und der ekklesia. (…) Während im gegenwärtigen Zustand Christus das Haupt der Versammlung ist, wird es am Ende der Zeit keine Unterscheidung zwischen Kopf und Körper geben, weil Gott alles in allem sein wird.“ 49/51

Es ist daher wahrscheinlich, dass sich Hobbes durch das Benennen seines Commonwealth mit einem Namen, dem dem Antichristen gleichbedeutend war, Leviathan, vollkommen im Klaren darüber war, dass er sein politisches Konzept in einem deutlichen eschatologischen Kontext verortete.“ 55

Schmitts These, dass politische Konzepte säkularisierte theologische Konzepte sein (…), muss folgendermassen präzisiert werden, nämlich dahingehend, dass säkularisierte Konzepte wesentlich eschatologische Konzepte sind“ 57 ([Krise als grundlegender Begriff der christlichen Eschatologie, nämlich das jüngste Gericht])

Von Natur aus führt der Leviathan-Staat der seinen Untertanen Sicherheit und Zufriedenheit gewähren muss, das Ende der Zeit herbei.“ 59

Es ist … sicher, dass die politische Philosophie der Moderne sich nicht von ihren Widersprüchen befreien kann, wenn sie sich ihrer theologischen Wurzeln nicht bewusst wird.“ 61

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